Zum Tod von Henri Cartier-Bresson

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 6. August würdigte Wilfried Wiegand (DGPh) den bedeutenden Photographen

Er tanzte mit dem Unbewußten

Ernst Gombrichs „The Story of Art“, mit seiner Millionenauflage das erfolgreichste Kunstbuch aller Zeiten, hat über Photographie ursprünglich kein Wort verloren. Erst in den neueren Auflagen wird dort neben all den Malern, Bildhauern und Architekten endlich auch ein Photograph erwähnt: Henri Cartier-Bresson. Die Wahl hätte nicht treffender sein können. Cartier-Bresson verkörpert alles, was Photographie mit Malerei verbindet, und fast alles was sie unterscheidet. Seine Photos sind so komponiert, so elegant, so schön, wie kein Maler es besser könnte. Zugleich aber frappieren sie uns durch die bedrohliche Nähe des Gegenstandes, die trancehafte Geschwindigkeit des Erfassens, das frappierend zufällige Zustandekommen der Schönheit. Mit Malerei hat das alles wenig zu tun, viel jedoch mit der Kunst des Films. Die unvermutete, wie mit einer bewegten Filmkamera im Vorübergehen festgehaltene Lebensschönheit macht seine photographische Kunst unmittelbar verständlich und zugleich so rücksichtslos modern, dass sie zu den großen künstlerischen Leistungen des Jahrhunderts gehört. In Henri Cartier-Bresson, der am 2. August im Alter von 95 Jahren in Céreste im Südosten Frankreichs gestorben ist, verlieren wir einen der letzten Klassiker des 20. Jahrhunderts.

Frühes Erlernen der Grundlagen für geometrische Proportionen

Geboren wurde er am 22. August 1908 in der Nähe von Paris als das schwarze Schaf einer wohlhabenden Industriellenfamilie. Aus trotziger Auflehnung fiel er gleich dreimal durchs Abitur und interessierte sich demonstrativ nur für Literatur und Malerei. Ein Studium der Malerei absolvierte er bei André Lhote, dem künstlerisch mäßigen, pädagogisch genialen Spätkubisten. Der bleute ihm, sehr französisch, unter dem avantgardistischen Deckmäntelchen das sture Einmaleins der geometrischen Proportionen ein und machte ihn zu einem unverbesserlichen Harmoniesüchtigen, der zeitlebens auch im Sucher seiner Kamera in allen Lebensäußerungen den Goldenen Schnitt entdeckte. Anfangs dachte der junge Künstler freilich nicht an Photographie, er war Maler, verkehrte in der surrealistischen Bohème und ließ sich von der Idee des „objet trouvé“, der vom Künstler bloß gefundenen Zufallschönheit, faszinieren.

Munkacsi und Kertész große Vorbilder

Seine Unruhe trieb den 23jährigen nach Schwarzafrika, wo er sich zeitweise vom Verkauf seiner Jagdbeute ernähren musste und zum ersten Mal, wenn auch ohne künstlerische Absicht, systematisch Potos machte. Lebensgefährlich erkrankt kam er nach Frankreich zurück - alle Filme waren verdorben. Als Photograph war er zur lächerlichen Figur geworden, zum Jäger ohne Beute. Meist wird diese Szene als komische Anekdote kolportiert, aber das war sie mitnichten. Ob Catrier-Bresson nicht vielmehr in diesem Augenblick der Ohnmacht die Macht der Photographie begriffen hat, ihre unvergleichliche Magie der Beglaubigung? Kurz danach sah er in einer Zeitschrift ein Photo von Martin Munkacsi: Drei nackte Knaben am Tanganjikasee, im Gegenlicht aufgenommen, laufen übermütig tänzelnd in das Wasser. Es ist ein sehr abstraktes Bild, fast ein Schattenspiel, alles Lebendige ist nur noch eine einzige rhythmische Bewegung.
Das große Vorbild Cartier-Bressons wurde jedoch der Ungar André Kertész, der seit 1925 in Paris photographierte und der seine Jahrhundertbilder – „Satiric Dancer“, „Gabel“ und „Chez Mondrian“ – schon vor Jahren geschaffen hatte. Kertész sieht die Welt mit dem Blick der Kubisten, er nimmt wahr, was andere übersehen, die Magie der toten Dinge, den chaotischen Charme der Ateliers. Von ihm lernte Cartier-Bresson, dass große Photographen Entdecker sind. 24 Jahre alt kauft er sich nun die Jahrhundertkamera, die kleine, schnelle, leise Leica. Der Amateur wird seriös.

Das Leben und sein Spiegelbild und die Parodie des Lebens noch dazu

Schon 1932 gelingt ihm eines seiner Meisterwerke, das Bild des an der Gare Saint-Lazare über die Pfütze springenden Mannes. Was in dieser Momentaufnahme an Zufällen zusammentrifft, ist kaum zu glauben. Der Springer und das ganze Drumherum spiegeln sich so in der Pfütze, dass man das Photo wie eine Spiegelkarte auf den Kopf stellen möchte - und im Hintergrund, auf einem Zirkusplakat, springt zudem eine klitzekleine Tänzerin in der gleichen Pose wie der Mann: Das Leben und sein Spiegelbild und die Parodie des Lebens noch dazu. Die Aufnahme ist nicht gestellt. Im Moment der Aufnahme hatten seine Augen offenbar mehr gesehen, als sein Bewusstsein zu registrieren vermochte, und mit der Kamera war wenigstens etwas davon sichtbar geworden. Von nun ist Cartier-Bressons Photographie im Bündnis mit dem Unbewussten. Der Traum der Surrealisten, das Unterbewusste umweglos in Kunst zu übersetzen, war Wirklichkeit geworden.

Das Filmen ersetzte vorübergehend das Photographieren

Seinen inneren Frieden hatte Cartier-Bresson freilich noch längst nicht gefunden. Seine Unrast trieb ihn erst nach Mexiko und dann in die Vereinigten Staaten, wo er sich von Paul Strand, dem künstlerisch radikalsten Photographen des Stieglitz-Kreises, so intensiv im Filmen unterweisen ließ, dass er vorübergehend sogar das Photographieren aufgab. Zurück in Frankreich, wurde er Regieassistent beim großen Jean Renoir. Seite an Seite mit Jaques Becker, Lucchino Visconti und Yves Allégret ist er dabei, als Renoir zwei seiner schönsten Filme drehte, „La règle du jeu“ und „ Une partie de campagne“, das impressionistische Wunderwerk unter den Renoir-Filmen, wird mit seinem Leitmotiv des gleichmütig, dahingleitenden Flusses, mit seinem zärtlich aufmerksamen Kamerablick, mit seiner kunstvoll inszenierten Oberflächlichkeit und seiner Feier des Glücks der kleinen Leute für Cartier-Bresson zum prägenden Erlebnis. Hier lernte er, die starre Schönheit, die Lhote ihm eingebleut hatte, aus der Zwangsjacke der Geometrie zu befreien.

Das unbewusste Leben findet im Einklang mit dem großen Rhythmus der Natur zu feierlicher Ruhe

Cartier-Bressons Photokunst zelebriert die Momente, in denen das unbewusste Leben zu tanzen beginnt oder aber im Einklang mit dem großen Rhythmus der Natur zu feierlicher Ruhe findet. Dies macht die Schönheit seines wohl berühmtesten Photos aus: „Ein Picknick am Ufer der Marne“ von 1938. Träge fließt dort das Wasser, träge genießen die Menschen am Ufer ihre Freizeit, alles ruht: Mensch, Arbeit und Natur. Dass die Aufnahme zugleich eine Huldigung ist an den von der Volksfrontregierung gerade eingeführten gesetzlichen Urlaub macht das Bild nur noch reicher. Cartier-Bressons Photographie ist reich an zeitgeschichtlichen Sujets. So gelang ihm, der anderthalb Jahre in deutschen Kriegsgefangenenlagern verbracht hatte, 1945 in Dessau der erschreckende Schnappschuss von der Entlarvung einer Nazi-Denunziantin durch ihre Opfer – erschreckend, weil dem Photographen auch die Unmenschlichkeit im Gesicht des Opfers nicht entgeht.

Nach Gründung von Magnum drei Jahre in Asien Lebensrythmen auf der Spur

Der Krieg veränderte die Welt und politisierte die Photographie. Die Bilder hatten ihre Unschuld verloren. Carter-Bresson entschloss sich, Berufsphotograph zu werden, und arbeitete als Reporter für die neue Agentur Magnum, die er 1947 mitbegründet hatte und die den Photographen gehörte. Wie Großmächte teilten sie sich nun die Welt: Capa und Seymour bekamen Europa, Rodger photographierte in Afrika und Nahost, Carter-Bresson ging nach Asien. Schon 1948 brach er auf und blieb drei Jahre. Er war in Indien, Burma, Pakistan, die eben in die Unabhängigkeit entlassen waren; im China Tschiang Kai-scheks, kurz vor dem Rückzug nach Taiwan; und in Indonesien, als es unabhängig wurde.
Cartier-Bresson wurde zum Photographen der Dekolonialiserung. Seine damalige Frau, eine javanische Tänzerin, begleitete ihn und machte es ihm leicht, sich in dieser Fremde heimisch zu fühlen. Niemals, dies ist die Quintessenz von Pierre Assoulines Cartier-Bresson-Biographie, war er nur Besucher, nur Tourist, nur Eindringling, sondern immer hat er dort, wo er photographierte, so gut es ging wie ein Einheimischer gelebt – nicht Bildmotiven, sondern Lebensrhythmen auf der Spur. Seine Methode des trancehaften Bildfindens sah er durch eine kleine Abhandlung von Eugen Herrigel bestätigt, die damals ein Bestseller war: „Zen in der Kunst des Bogenschießens“.
In Asien hatte er eine Welt erlebt, die sich veränderte, und diese Erfahrung veränderte auch Cartier-Bressons Blick auf Europa. Das Ergebnis ist der Bildband „Les Européens“ von 1955 - in der Originalausgabe gewiss das schönste seiner Bücher und eines der schönsten des Jahrhunderts. Cartier-Bressons Buch enthält ein wahres Archiv europäischer Lebensformen. Vieles, was so bewahrenswert war, finden wir heute kaum noch wieder. Anderes, wie die allgegenwärtige Polizei in Francos Spanien oder die Armut überall, ist zum Glück verschwunden. Aus der Sowjetunion gibt es den herrlichen Schnappschuss mit den auf ihrer Baustelle tanzenden Arbeitern. Es ist das Bild einer utopischen Hoffnung, die heute niemand mehr teilt, aber das Photo wird dadurch mitnichten zu einer abgestorbenen Sache.

Der Meister des entscheidenden Augenblicks

Was sie auch zeigen, alle Aufnahmen Cartier-Bressons haben etwas Elegantes. Aber diese Eleganz vertuscht nicht, sie ordnet. Sie erklärt das Sichtbare, bis es transparent wird und den Blick freigibt in eine von dunklen Kräften geheimnisvoll beherrschte Welt. Cartier-Bresson, der es liebte, um seine Sujets herumzutänzeln, bis er endlich meinte, er habe sich nun mit dem Rhythmus des Gegenübers synchronisiert und könne auf den Auslöser drücken, sind rätselvolle, manchmal sogar abgründige Bilder gelungen. Alles Tänzerische, alles Rituelle faszinierte ihn ebenso wie die unbewusste, oft dezidierte erotische Sprache des Körpers. Leidenschaftliche, kämpferische Gesten kehren immer wieder. Angstvoll aufgerissene Augen, hilflos gereckte Arme, wütend ballende Fäuste sind Leitmotive seiner Kunst. Nach seiner politischen Überzeugung gefragt, antwortete Cartier-Bresson bis zuletzt, er sei überzeugter Anarchist. Das hätte man von ihm zwar kaum erwartet, aber die dunkle Seite seiner Kunst bestätigt, dass er die Wahrheit sprach.

Bereits 1967 von der DGPh mit dem Kulturpreis ausgezeichnet

In den 1970er Jahren erklärte Cartier-Bresson, er werde künftig nicht mehr photographieren, sondern nur noch zeichnen. Obwohl er gelegentlich noch meisterhafte Photos machte, hat er sich im großen ganzen daran gehalten. So zeichnetet er 20 Jahre lang in einem Stil, der à la Giacometti respektvoll um den Gegenstand herumschraffiert und der ihm nur Höflichkeitserfolge brachte. Aber er machte unbeirrt weiter, besuchte sogar den Zeichenkurs einer Ferienakademie und lehnte konsequent Kunstpreise ab, die nur seine Photographie feiern wollten.
Natürlich fragt man sich, warum ein Meister mit aller Gewalt noch einmal in die Schule gehen will. Die Frage enthält schon die Antwort: Cartier-Bresson war zu sehr Meister geworden, er beherrschte die Kunst der Photographie mit so gespenstischer Perfektion, dass sie für ihn kein Abenteuer mehr war. Zeichnend kehrte er zurück in seine Jugend, in der er Maler hatte werden wollen.

Wilfried Wiegand

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Ausstellungen zum Tod des legendären Fotografen

Spontane Reaktionen in Köln und Berlin

In einer Blitzaktion reagierte die unter der Leitung von Bodo v. Dewitz (DGPh) stehende Photoabteilung des Museum Ludwig in Köln auf den Tod des fast 96jährigen Photographen: Spontan stellte man etwa 40 Vintage-Abzüge aus den Beständen der Sammlung Gruber/Museum Ludwig und die Photographien aus der Ausstellung von 1967, dem Jahr, in dem Henri Cartier-Bresson von der DGPh mit dem Kulturpreis geehrt worden war, für eine Gedenkausstellung unter dem Titel „Henri Cartier-Bresson in Köln“ zusammen. Damals waren fast 200 Arbeiten des Photographen in Abzügen des legendären Printers Pierre Gassmann in der Kölner Kunsthalle ausgestellt - eine ungewöhnliche Präsentation zu einer Zeit, als die Photographie noch nicht in dem Maße wie heute als Kunstform entdeckt war. Die Ausstellung wurde am 22. August, dem Tag, an dem Henri Cartier-Bresson 96 Jahre alt geworden wäre, von Kasper König, dem Direktor des Museum Ludwig, und DGPh-Ehrenpräsident L. Fritz Gruber, im gleichen Jahr wie der Verstorbene geboren, eröffnet und konnte bis 12. September besichtigt werden. Gruber, der unter anderem aus seiner 1967 gehaltenen Rede zitierte, sagte über seinen verstorbenen Freund: „Henri Cartier-Bresson huldigte dem sichtbaren Leben, indem er Ausschnitte von Zuständen und Vorgängen auf seine unnachahmliche Weise zu faszinierenden Photographien gestaltete.“

100.000 Besucher sahen die Cartier-Bresson Retrospektive in Berlin

Ebenso spontan war die große Cartier-Bresson Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau noch einmal verlängert worden. Diese hatten in drei Monaten mehr als 100.000 Besucher gesehen, womit sie die bisher erfolgreichste Photographie-Ausstellung Berlins war.