Nachruf zum Tod von Heinrich Heidersberger
Steinalt ist er geworden, und in seinen eigenen Worten „war’s notwendig“. Am 14. Juli 2006 ist der Wolfsburger Photograph Heinrich Heidersberger im Alter von 100 Jahren gestorben. Wirkliche Anerkennung für seine Arbeit fand er erst im hohen Alter; die erste museale Retrospektive erhielt er zum 80. Geburtstag. Daran war er nicht ganz unschuldig: Jede/r kannte ihn, aber zur Szene – was immer dies in der deutschen Photographie war und bedeutete – hat er nie gehört. Vom Habitus her hätte er einem Drama von Marieluise Fleißer entsprungen sein können; Ingolstadt, wo er am 10. Juni 1906 geboren wurde, und das oberösterreichische Linz, wo er seine frühe Schulzeit verbrachte, waren ihm zeitlebens anzuhören. Von der Natur geradezu verschwenderisch mit Vitalität ausgestattet, hat er bis kurz vor seinem Tod noch photographiert.
Dabei hat es für ihn gar nicht damit angefangen, und als Figur am Rand dessen, was zur Praxis der Photographie gehört, hat er sich zeitlebens selbst gesehen. Begonnen hat er mit einem Architektur- und Ingenieurstudium, danach mit viel Radiopraxis, und mindestens seiner Maschine zur Herstellung abstrakter Photographien mit dem Namen „Rhythmogramm“ merkte man diese Schulung durchaus an. Diese Studien wurden nicht beendet, Heinrich Heidersberger floh aus der Enge bürgerlicher Existenzen nach Paris und begann mit Kursen an einer der vielen privaten Kunstschulen. Von den Begegnungen mit der modernen Kunst, die er am Ende der 1920er und Beginn der 1930er Jahre dort hatte, hat er zeitlebens gezehrt. Im Zusammenhang dieser Studien musste er Reproduktionen seiner Malereien anfertigen - und das brachte ihn zur Photographie.
Paris war zu Beginn der 1930er Jahre ein Zentrum surrealistischer Photographie, dazu ein Ort des Modischen und des Designs – das hat Heinrich Heidersbergers Bildschaffen geprägt. Auch wenn er den größten Teil der 1930er Jahre in Kopenhagen verbrachte und dann mit der Exilierungsaktion von 1937 ins Nazi-Deutschland heimkehren musste, blieb diese Prägung in seinem Bildschaffen mindestens für die nächsten zwei Jahrzehnte bestimmend. Mit List und großem Können platzierte er Bildformen des Surrealismus inmitten sachlicher Serien, etwa zur Industriearchitektur des Büro Rimpl in einer Festschrift für das Heinkelwerk in Oranienburg: Schwarze Himmel über braven Siedlungshäusern, eine vulvaförmige Treppe im Hauptfoyer, und immer wieder weißblättrige Bäume auf hell gefilterten Grasgründen.
Mit den Rimpl-Aufnahmen war die Basis für eine Karriere als Industrie- und Architekturphotograph gelegt. Und auf sie konzentrierte sich Heinrich Heidersberger in den nächsten fünf Jahrzehnten, ohne die Nebenschauplätze künstlerischer Arbeit außer Acht zu lassen. Die Kriegszeit war nicht nur durch ästhetische Entbehrungen gekennzeichnet; die meiste Zeit arbeitete Heidersberger als Bildstellenleiter im Stahlwerk Salzgitter-Lebenstedt. Freundschaften mit Zwangsarbeitern, französisch sprechenden zumal, haben ihn sein weiteres Leben lang geprägt; und die erste Zeit nach dem Krieg war zunächst der Wiedergewinnung einer freien Existenz als Künstler, eben Licht-Bildner, gewidmet. Es gab Serien wie „Das Kleid aus Licht“, die Hinwendung zur Abstraktion, die Suche nach surrealen Momenten im Alltag und auf Reisen, und weiterhin wurde die ganz strikte, sachlich perfekte, doch immer post-modern doppelt codierende Architekturphotographie gepflegt. Da wachsen die Bauten der Braunschweiger Schule aus klassizistischen Torhäusern heraus oder sind hinter Bäumen versteckt, da müssen hohe dunkle Himmel die Leichtigkeit des Neuen Bauens der frühen 1960er Jahre doch noch ein wenig konterkarieren – bis um 1970 herum gehörte Heinrich Heidersberger zu dem halben Dutzend wirklich guter deutscher Architekturphotographen, die das bundesdeutsche Wirtschaftswunder aus seiner gebauten Form kongenial in Bilder zu übersetzen wussten.
Das letzte Vierteljahrhundert seines langen Lebens hat Heinrich Heidersberger damit zugebracht, sein immenses und breit gestreutes Werk zu ordnen, anzuschauen – und zu verstehen. Während der letzten Male, die wir miteinander über einzelne Bilder sprachen, hatte ich den Eindruck, als würde er staunen, was er denn in seinem Leben alles so zustande gebracht hätte. Dieses Staunen zeichnete ihn jedoch schon aus, bevor er eine Kamera aufbaute: Es hat ihm ein langes schönes Leben in und mit der Photographie beschert.
Rolf Sachsse
