L. Fritz Gruber zum 95. Geburtstag

Über 70 Jahre Engagement für die Fotografie

Text erschienen in PHOTONEWS, Heft 6/2003

Wenn am 6. Juni im Museum Ludwig in Köln die Ausstellung „L. Fritz Gruber zum 95. – Eine kleine Geschichte zur Fotografie“ eröffnet wird, setzt dies eine Reihe von Ausstellungen zur Sammlung Gruber fort, die seit dem Kauf der ersten ca. 800 Bilder im Jahr 1977 präsentiert wurden. Doch gibt es einen wesentlichen Unterschied zu früheren Präsentationen. Dies ist die erste Ausstellung zur Sammlung Gruber nach dem frühen Tod von Reinhold Mißelbeck, der von 1980 bis 2001 die Fotosammlung im Museum betreute. Und erstmals sind L. Fritz Gruber und seine Frau Renate nicht an der Konzeption der Ausstellung beteiligt. Das fällt L. Fritz Gruber, der sich selbst einmal als „Machenschaftler“ bezeichnete, einigermaßen schwer. Schließlich ist er trotz seines hohen Lebensalters nach wie vor aktiv am Geschehen beteiligt, nimmt regelmäßig als Ehrenpräsident an Sitzungen der 1951 von ihm initiierten Deutschen Gesellschaft für Photographie, DGPh, teil und ist zusammen mit seiner Frau stets bei wichtigen Vernissagen und Veranstaltungen anzutreffen.

L. Fritz Gruber, geb. am 7. Juni 1908 in Köln, entwickelte sehr früh ein Interesse für das Medium Fotografie. Bereits als Schüler lernte er August Sander, Vater seines Schulfreundes Gunther kennen. Ein Portrait Sanders von seinem Lehrer Paul Bourfeind aus dem Jahre 1924 ist heute Teil der Sammlung Gruber. In den 1920er Jahren studierte er Philosophie, Germanistik, Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft, Zeitungswissenschaft, Völkerkunde und Sprachen – schrieb, zeichnete und fotografierte selbst (1929 erschien z.B. im Stadt-Anzeiger Köln sein Artikel „Photographieren als Leidenschaft“). 1930 war er Mitbegründer der Wochenzeitung „Kölner Kurier“ und „Westdeutscher Kurier“, die 1933 wegen antinazistischer Tendenz verboten wurde. Gruber konnte nicht wie geplant promovieren, sondern emigrierte nach England und war dort als Werbe- und Fotokopie-Fachmann tätig sowie als Repräsentant der Zeitschrift Gebrauchsgrafik und Mitarbeiter der Jahrbücher Modern Photography und Modern Publicity. Zurück in Deutschland betrieb er nach dem Krieg zunächst mit seinem Bruder Helmut Fotokopie- und Mikrokopiebetriebe.

1949 begann eine neue Aufgabe, die über 30 Jahre andauern sollte: L. Fritz Gruber war maßgeblich an Vorbereitung und Konzept der photokina beteiligt, bis 1960 freischaffend für alle Sparten der Messe tätig, danach bis 1980 ausschließlich für ihren kulturellen Teil. In dieser Zeit reiste er viel, pflegte Freundschaften mit Fotografen auf der ganzen Welt, knüpfte Beziehungen für die photokina, sammelte Fotografien und publizierte in großem Umfang.

Mit den „photokina Bilderschauen“ hat L. Fritz Gruber wichtige internationale Fotografie nach Köln gebracht – in einer Zeit, in der Fotografieausstellungen noch Seltenheitswert besaßen. Seine eigene Sammlung wurde 1972 erstmals im Kölnischen Kunstverein präsentiert.
L. Fritz Gruber wurde für sein Engagement vielfach geehrt und ausgezeichnet, darunter Verleihung des Titels ‘Professor’ 1974, Großes Bundesverdienstkreuz 1983 und Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen 1995. Am 27. Juni 2003 kommt eine weitere Auszeichnung hinzu: der Bund Freischaffender Fotodesigner, BFF, ehrt ihn mit der Ehrenmitgliedschaft des Verbandes.

Kurzum: Keiner kann hierzulande auf längere Erfahrungen und Aktivitäten in Sachen Fotografie zurückblicken. L. Fritz Gruber ist zusammen mit seiner 29 Jahre jüngeren Frau Renate, die seit 1959 aktiv an allen Prozessen beteiligt ist (Gruber: „Heute weiß sie zuweilen mehr als ich.“), eine Art lebendiges Lexikon, wird häufig um Information und Rat gefragt. Legendär ist die Gastfreundschaft der ‘Grubers’. Ihr Haus in Köln ist offen nicht nur für Berühmtheiten der internationalen Kultur- und Fotoszene, sondern auch für junge Fotografen – und nicht zuletzt für Photonews-Redakteure.

Ein wenig wehmütig spricht L. Fritz Gruber von zeitgenössischer Fotografie, die er nicht mehr sammeln kann, die ihn gleichwohl interessiert, auch im Bereich der neuen Techniken. „Die Fotografie hat heute eine neue, eine doppelte Möglichkeit des Bilderschaffens. Es gibt immer noch begeisterte Verfechter der analogen Fotografie, die damit wirklich Kunstwerke schaffen und nicht weg wollen davon. Und dann die anderen, die völlig im digitalen Rausch sind und viel Freude an den endlosen Möglichkeiten haben, die ihnen die Elektronik lässt. Beide Wege der Fotografie können mich sehr begeistern, ich lasse mich gerne überraschen.“

Die Sammlung Gruber im Museum Ludwig ist durch Schenkungen und Stiftungen des Ehepaars bis in die 1990er Jahre stetig angewachsen, umfasst heute mehr als 2.500 Exponate und wurde durch mehrere Bestandskataloge dokumentiert. Sie ist geprägt von Grubers persönlichen Kontakten zu den Bildautoren, eine Tatsache, die bei der diesjährigen Ausstellung im Museum Ludwig in besonderer Weise berücksichtigt wird. Neben Fotografien u.a. von Man Ray, August Sander, Ansel Adams, Hugo Erfurth, Irving Penn, Albert Renger-Patzsch, Edward Steichen, Cecil Beaton, Henri Cartier-Bresson, André Kertész, Duane Michals und Chargesheimer werden Dokumente präsentiert, um die enge Verbundenheit des Sammlers mit dem Geschehen der Fotografiegeschichte zu zeigen.

Durch seine persönlichen Kontakte bekam L. Fritz Gruber viele Fotografien geschenkt, insgesamt unterscheidet sich seine Sammeltätigkeit deutlich von heutigen Strategien, die viel stärker vom Marktwert einzelner Arbeiten bestimmt sein müssen. „Ich habe nie Fotografien auf Auktionen gekauft oder verkauft“. Und würde er im heutigen Fotokunstmarkt anfangen zu sammeln? „Nein“, sagt L. Fritz Gruber zunächst entschieden – doch dann bricht wohl der Sammler in ihm durch – „obwohl, wenn ich das Geld hätte...“. Aber der heutige Markt ist Renate und L. Fritz Gruber eher fremd, mit Skepsis betrachten sie ein Geschäftsmodell wie das der Aktiengesellschaft Camera Work. Deren Vorstandsvorsitzender Clemens Vedder war auch kürzlich Gast im Hause Gruber, „eben ein Mensch aus einer anderen Welt“, wie L. Fritz Gruber meint, „aber mit sehr guten Manieren, sehr gepflegt.“

Im Sinne des Marktwertes ist der Stellenwert von Fotografie (genauer: von bestimmten fotografischen Bildern) enorm gestiegen, aber wie sieht es mit der kulturpolitischen Situation aus? F.C. Gundlach, der 18 Jahre nach L. Fritz Gruber geboren wurde, aber ebenfalls auf ein langes Engagement für das Medium zurückblicken kann, beklagte kürzlich in DGPh intern die nach wie vor fehlende politische Lobby für die Fotografie in Deutschland.Wie sieht L. Fritz Gruber die Situation?

„Die Lobby könnte natürlich stärker sein. Aber ich sage immer: das Pech ist, die Fotografie ist eine stille Kunst. Da lassen sich nicht wie beim Fernsehen große Abende veranstalten, die viel Aufmerksamkeit erzeugen. Grundsätzlich schätze ich die Situation aber positiv ein. Es stimmt ja nicht, dass nichts geschieht. Es wimmelt von Ausstellungen, von Publikationen. Ich finde, dass die Fotografie sehr gegenwärtig ist. Wir kriegen jeden Morgen Einladungen zu Ausstellungen, die wir gar nicht alle besuchen können.“
Irritierend findet er jedoch die Schnelligkeit und allgemein verbreitete Ungeduld. „Man darf auch nicht vergessen, es gibt Fotografen, die haben sich ihr ganzes Leben abgemüht, ehe sie dann im Alter berühmt wurden. Aber die meisten jungen Leute wollen sofort eine Ausstellung, ein Buch, sind wahnsinnig ungeduldig und haben dann kein Urteil, keine Kritik für die eigene Arbeit.“

Angesprochen auf die z.Zt. viel beklagte Situation der Kultur in Köln antworten Renate und L. Fritz Gruber eher zurückhaltend diplomatisch. Aber natürlich machen auch sie sich Gedanken, was in Zukunft mit der Sammlung Gruber geschieht. Alle dokumentarischen Fotografien, sowie persönliche und berufliche Akten, Manuskripte und sonstige Unterlagen befinden sich als „Bestand Gruber“ im Historischen Archiv der Stadt. Derzeit ist das Ehepaar Gruber u.a. damit beschäftigt, die zahlreichen dokumentarischen Fotografen (bis zum Jahr 1996 bereits 11.600 Bilder!) für das Historische Archiv zu beschriften.

Aber was passiert mit den Exponaten der Sammlung Gruber im Museum Ludwig? Nach dem Tod von Reinhold Mißelbeck wurde dessen Stelle nicht wieder besetzt. Thomas Weski verlässt als weiterer Fotografie-Experte das Museum in Kürze und wird Kurator am Haus der Kunst in München (seine Stelle wird nun aber doch neu ausgeschrieben). Die aktuelle Ausstellung wurde von dem jungen Kulturwissenschaftler Jan Ketz konzipiert, der aber nur als freier Mitarbeiter für dieses Projekt tätig ist. „Wir sind nicht ganz so beunruhigt, weil es Bodo von Dewitz gibt“, meint Renate Gruber. Als Leiter des Agfa Photo-Historamas am Museum Ludwig verfolgt Bodo von Dewitz vor allem einen kulturhistorischen Umgang mit der Fotografie. Gerade in dieser Hinsicht hat auch die Sammlung Gruber ein großes Potential, das noch aufgearbeitet werden kann.

Anna Gripp

Text erschienen in PHOTONEWS, Heft 6/2003

Weitere Infos: www.fritz-gruber.de