Fritz Brill zum 100. Geburtstag

Fritz Brill, geboren am 1. Juli 1904 und verstorben am 13. September 1997, wäre im Sommer dieses Jahres 100 Jahre alt geworden. 1960 erhielt er für sein vielfältiges photographisches Werk den Kulturpreis der DGPh.

Idealtyp des nachkriegsdeutschen Wiederaufbauers

Fritz Brill verkörperte den Idealtyp des nachkriegsdeutschen Wiederaufbauers: risikofreudig und unbehindert von der Regulierungswut, die heute alle Lebensbereiche zersetzt, montierte er sich Anfang der 1950er Jahre eine neue Existenz zusammen. Dabei kamen ihm alle Facetten seiner vielseitigen Ausbildung zugute. Er hatte erst Kaufmann gelernt, dann die Kunstgewerbeschule und danach die "Ittenschule" in Berlin besucht, zu deren Prägung er sich sein Leben lang bekannte. Charakteristisch für seine Form der Aufgabenbewältigung war, dass er eine Chance, die sich bot, keinesfalls mangels besonderer Fähigkeiten, die sie erforderte, ausschlug, sondern sich die nötigen Kenntnisse einfach schnell aneignete. So brachte er sich selbst im Handumdrehen das Photographieren bei, weil die Auftraggeber für werbephotographische Arbeiten, von denen er zu Beginn der 30er Jahre in Berlin lebte, ihre Werbebotschaften photographisch übermittelt sehen wollten.

In den 1950er Jahren Aufbau des „Institut für Photoanalyse“

Der Krieg vernichtete seine aufblühende Berliner Existenz und verschlug ihn nach Hofgeismar bei Kassel, wo er zu Beginn der 50er Jahre sein "Institut für Photoanalyse" aufbaute. Zuvor jedoch, in einer kurzen Spanne zwischen Kriegsende und beginnendem Wirtschaftswunder, also zwischen 1945 und 1949, entstand in Hofgeismar unter behelfsmäßigen, beengten Arbeitsbedingungen ein Konvolut von freien Photographien. Der Impuls dazu wurde durch Begegnungen mit Naturformen ausgelöst, die sich Brills bei Itten geschultem Auge als bildnerische Elemente offenbarten. Er brachte sie in Kontrast zu künstlich hergestellten Objekten und evozierte in seinen Photographien einen Dialog zwischen Natur und Kultur, zwischen gewachsener und künstlich geformter Gestalt. Dieses kleine Oeuvre wurde gleich 1949 von Arnold Bode, dem späteren Begründer der Kasseler "documenta", in der 1946 von ihm gegründeten "Hessischen Sezession" im Kasseler Landesmuseum gezeigt. Dass Bode mit Fritz Brills Arbeiten die Photographie ganz selbstverständlich in den Kanon der Kunstgattungen einbezog, ist für diese frühe Zeit höchst ungewöhnlich und beweist das avancierte Gespür des späteren "documenta"-Erfinders. Aber erst in der 5. documenta, 1972, hatte die Photographie dort ihren ersten Auftritt!

Konstruierte und inszenierte, synthetische Bilder

Charakteristisch schon für diese auf eine kurze Phase seiner Arbeitsbiographie begrenzten freien Arbeiten ist das Prinzip Montage. Man kann sagen, dass Brill seine frühen Bilder nicht in der Realität suchte, um sie aufzunehmen. Vielmehr sind es synthetische Bilder, die er konstruierte und inszenierte - zum Teil mit abenteuerlichem baulichen Aufwand. Dieses Prinzip wandte er später auch für seine Auftragsphotographien an. Anders als bei der klassischen Photomontage, in der heterogene Bildelemente unterschiedlicher Herkunft fusioniert werden, entstanden Brills Montagen bei der photographischen Aufnahme, in der er Objekte auf mehreren, jeweils gesondert be- und hinterleuchteten Bildebenen platzierte und mit Rückprojektionen verschmolz - fast eine Vorwegnahme der heutigen Photoshop-Montagen.

Bei der Arbeit seinem "Institut für Photoanalyse", ab etwa 1950, machte sich Brill das photographische Objektiv als drittes Auge zunutze. Im Gegensatz zum bewegten Sehen des menschlichen Auges kann die starre Photolinse in die Strukturen der Objekte eindringen, ein Bild aus dem Zeitfluss nehmen und auf dem Film festhalten, auf dem sich auch Lichteindrücke addieren lassen. Brill bot mit seiner Arbeit "beweisführende Argumentation" an, für Ursachen, die im unsichtbaren Bereich liegen, und lieferte seinen Kunden, beispielsweise dem Druckfarbenhersteller Hostmann & Steinberg, Bayer, VW oder Oetker, Einsichten, die ihnen zu verfahrenstechnischen Verbesserungen verhalfen.

Das photographische Objektiv war für Fritz Brill sein „drittes Auge“

Sehr schnell - schon 1952 - erwartete man solche Beweisführungen von ihm im Film, um Abläufe von Vorgängen studieren zu können. Und Brill, der von ihm Verlangtes grundsätzlich ohne zu zögern zusagte, sah sich vor die Aufgabe gestellt, viele spezielle Filmtechniken zu erlernen, denn er erkannte, "dass die Photoanalyse erst zur solchen wird, wenn ich die Technik des Bewegtbildes, die Kinematographie, mit einplane. Es ist nicht damit getan, vollendete Tatsachen sichtbar zu machen, es müssen die Vorgänge selbst, etwa die Entstehung eines Störfaktors innerhalb einer verfahrenstechnischen Abwicklung, sichtbar gemacht werden können. Dazu sind langsame Vorgänge, etwa 'Graswachsen', zu raffen und schnelle entsprechend zu dehnen." Einige seiner Filme seien hier genannt: "Seidenraupen" (1951), für die Firma Glanzstoff, Wuppertal; Szenen für "Aus eigener Kraft" (1953), für VW; "Steckenpferd der Hausfrau" (1954), für die Firma Oetker; Szenen für "Schöpfung ohne Ende" (1956), für Bayer; Szenen für "Impuls unserer Zeit" (1959), für Siemens; "Schach den Motten" (1960), für Bayer.

Noch ein Hinweis: Viele sehr anschauliche, eigene Texte über seine Arbeit enthält der Fritz-Brill-Katalog der Berlinischen Galerie, Berlin, von 1982, der noch erhältlich ist.

Jedenfalls schuf Fritz Brill in all seinen Arbeitsphasen mit der Photographie "Neues ohne Vorbilder", indem er das Medium nicht zur Wiedergabe von Gesehenem nutzte, sondern als drittes Auge, das keine unvollkommene Ergänzung des menschlichen Auges bleibt, vielmehr über dessen Blick hinaussieht. Und was es dort sieht, diente Brill als Material für die schöpferische Gestaltung.

Floris M. Neusüss